"Es wird immer Konflikte geben" - Regierungspräsident Julian Würtenberger machte sich ein Bild von der Wasserkraft im Wiesental.

Badische Zeitung vom 04.07.2011 (Autor: Thomas Mink)

HAUSEN IM WIESENTAL

Nicht erst seit dem Ausstiegsbeschluss des Bundestags aus
der Atomkraft gilt regenerative Energie als die Energieart der Zukunft. Doch auch diese lässt sich nicht ohne jede Umweltbelastung erzeugen. Dass mit neuen Technologien aber verträgliche Kompromisse möglich sind, davon überzeugte sich Regierungspräsident Julian Würtenberger, als er am Freitag Kleinkraftwerke an der Wiese besuchte.

Der Präsident des Landesfischereiverbandes Baden, Georg Riegger, hatte den Regierungspräsidenten eingeladen, sich an der Wiese mehrere Wasserkraftwerke verschiedener Technik und mit unterschiedlichen Auswirkungen auf die Umwelt anzuschauen. Während sich Riegger keine zusätzlichen Kraftwerke an der Wiese vorstellen kann, setzt Julian Würtenberger auf einen Kompromiss zwischen umweltverträglicher Technik und Ökologie. Ein gutes Beispiel dafür war das ganz neue Wasserkraftwerk bei
Hausen.
Zur Stärkung regenerativer Energie sei es notwendig, alle Potenziale, die die Landschaft bietet, zu nutzen, sagte Würtenberger. Das betreffe insbesondere die Wasserkraft, die, anders als Wind und Sonne, beständig Strom liefern kann. "Aber bei der Nutzung wird es immer ökologische Konflikte geben", stelle er fest. So gerate die Nutzung der Wasserkraft in Konflikt zum guten ökologischen Zustand der Gewässer. Es müsse jedoch möglich sein, dass Wasserläufe in ihrer Gestalt so naturnah sind, dass sie nachhaltig Lebensräume für Fische und Kleinlebewesen bieten. Dazu sei die Durchlässigkeit für Fische notwendig, damit ein Austausch der Population stattfinden kann. Zugleich bedeute aber jedes Aufstauen eines Flusses eine Veränderung der Struktur, weil es im Staubereich fast teichartig wird
und sich dadurch Lebensräume verändern. "Jeder Eingriff durch ein Kraftwerk oder ein Wehr ist ein Eingriff. Der Auftrag, vor dem wir stehen, ist diese Eingriffe zu minimieren", sagte Würtenberger.
In Fröhnd hatte die Delegation ein Wasserkraftwerk besichtigt, das 113 Jahre alt ist und mit nur wenigen ausgewechselten Teilen nach wie vor funktioniert. Durch einen kleinen Staubereich ist das Kraftwerk relativ umweltverträglich, durch ein hohes Gefälle produziert es viel Energie. Allerdings gibt es an der Wiese auch Kraftwerke, die nicht umweltverträglich sind, weil sie keine Fischtreppe haben und nur eine geringe Restwassermenge übrig lassen.
Zum Abschluss der Reise besuchte Würtenberger das Wasserkraftwerk, das die Firma Energiedienst zusammen mit dem Mitgesellschafter Elmar Reitter jüngst in Hausen erstellt
hat. Das Kraftwerk, das an Stelle eines bestehenden Wehrs gebaut wurde, ist so gut wie fertiggestellt und befindet sich zurzeit im Probebetrieb. Es schluckt elf Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Mit einer kalkulierten durchschnittlichen Jahresproduktion von 1,9 Millionen Kilowattstunden kann es rund 600 Haushalte mit Ökostrom versorgen, wie Projektleiter Rolf Hezel berichtete. Die Schneckenturbinen sind besonders fischfreundlich, für den Aufstieg der Fische wurde ein 180 Meter langes Umgehungsgewässer mit 37 Becken angelegt.
Knapp 3,5 Millionen Euro hat der Bau des Kraftwerks gekostet. Diese Anlage erleichtere auch die Herzen derer, die sich um die ökologische Qualität der Gewässer sorgen, meinte Würtenberger. Er betonte, man komme nicht umhin, Kompromisse einzugehen, denn auch regenerative Energie gebe es nicht völlig ohne Belastungen. Eingriffe müssten jedoch so naturnah wie möglich umgesetzt werden, und der Regierungspräsident lobte das Landratsamt Lörrach, das hier mit großer Umsicht zur Optimierung des Projekts
beigetragen habe.
Gleichwohl sah Landesfischereipräsident Georg Riegger die weitergehende Nutzung der Wasserkraft kritisch. "In fast allen Flüssen, wo sich Wasserkraft lohnt, sind wir an dem
Punkt, wo ein weiterer Neubau von Anlagen nicht mehr möglich sein darf, denn das würde vieles, was an Renaturierung erreicht wurde, in Frage stellen", sagte Riegger. Er mahnte die Ökologisierung bestehender Anlagen an, lobte aber auch die Firma Energiedienst, die sehr verantwortungsvoll handle.
Elmar Reitter, der auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke Baden-Württemberg ist, sagte, die Betreiber würden die Forderungen, die von der Fischerei kommen, anerkennen und diese, wo möglich umsetzen. Reitter sieht allerdings durchaus noch Potenziale für Wasserkraftwerke, nämlich an Stellen, wo bereits Schwellen existieren, wie das in Hausen der Fall war.