"Das Doppelte an Strom ist drin"

Südwest Presse vom 28.05.2011 (Autor: Alfred Wiedemann)

Wangen. Strom, klimaschonend aus Wasserkraft: Die Technik ist altbewährt. Kann sie aber umweltverträglich ausgebaut werden? Wasserkraftler sagen: das Doppelte ist machbar. Fischer und Naturschützer sind skeptisch.

"Das ist ein 24-Stunden-Job", sagt Hubert Winter. "Man schafft nicht rund um die Uhr, man muss aber da sein." Wie ein Landwirt um sein Vieh, muss sich Energiewirt Winter um sein Kraftwerk an der Argen bei Wangen-Beutelsau kümmern: Falls Treibgut sich verfängt, falls die Steuerung gestört ist, falls Hochwasser droht. "Ich mach das gern", sagt der 46-Jährige, "bei uns ist die ganze Familie wassernarrisch." Schon der Opa hatte eine Mühle, Hubert Winter hat sein Wasserkraftwerk im Kreis Ravensburg vor 19 Jahren gekauft. Wie zwei weitere Kraftwerken gehört es der Familie.
2009 wurde in Beutelsau rundum erneuert: Turbine, Generator, Steuerung, Wehr und Fischaufstieg - alles neu und 1,4 Millionen Euro teuer. Im Turbinenhaus schnurrt die moderne Turbine vor sich. Die umweltfreundliche Technik läuft kraftvoll, aber so leise, dass man sich mühelos unterhalten kann nebendran.
Fast fünf Meter tief stürzt das Wasser aus dem Argenkanal auf die Kaplan-Turbine, bis zu neun Kubikmeter pro Sekunde Argenwasser. Mit der freigesetzten Energie wird Strom erzeugt. 90 Prozent können moderne Wasserkraftanlagen in Strom verwandeln. Ohne Anfall von Kohlendioxid, Schwefel oder Staub. Winters Kraftwerk hat eine Leistung von 400 Kilowatt. 1,8 Millionen Kilowattstunden Strom jährlich fließen ins Netz. Das reicht für 600 Drei-Personen-Haushalte. Die alten Turbinen haben nur die Hälfte gebracht. Wie gut die neue Anlage arbeitet, sieht Winter in Niedrigwasser-Zeiten wie jetzt: "Meine Turbine ist gelaufen, weiter unten ist ein altes Argenkraftwerk gestanden."
Für die Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke Baden-Württemberg, Zusammenschluss privater Kraftwerkseigner, zeigt Beutelsau, welche Potenziale noch in der Wasserkraft schlummern. "Das Doppelte ist drin, und das ist ganz vorsichtig geschätzt", sagt Julian Aicher, Pressesprecher des Vereins und Betreiber eines Wasserkraftwerks in Leutkirch-Rotis. Fünf Milliarden Kilowattstunden Strom speist die Wasserkraft im Südwesten Jahr für Jahr ein. Ungefähr 6,5 Prozent des Stromverbrauchs sind damit gedeckt, 4,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart im Vergleich mit Kohlekraftwerken.
Der Strom aus Wasserkraft reicht derzeit für rund drei Millionen Privatpersonen. "Zehn Milliarden Kilowattstunden sind aber möglich", sagt Aicher, mehr als die Hälfte der Baden-Württemberger wäre mit Strom versorgt. Dafür müssten aber alte Triebwerke optimiert und saniert und neue Wasserkraftstandorte genehmigt werden - meist an alten Stauwehren. Die gibt es in Hülle und Fülle: Vor 100 Jahren arbeiteten mehr als 5000 Wasserkraftanlagen im Südwesten. Nach dem Krieg 1946 waren es allein in Württemberg rund 3300, weiß Aicher. Nach und nach wurden viele stillgelegt - es rentierte nicht mehr.
Heute produzieren in ganz Baden-Württemberg schätzungsweise 1700 kleine Anlagen Strom aus Wasserkraft. Dazu kommen 65 mit mehr als einem Megawatt Leistung, das sind große Laufwasser- und Speicherkraftwerke. Das modernisierte Rheinfelden allein hat eine Leistung von 100 Megawatt, fast das Vierfache des alten Kraftwerks.
Viele der alten Standorte kleinerer Anlagen ließen sich wieder nutzen, sind die Wasserkraftler überzeugt. Dazu müsste sich aber in der Genehmigungspraxis viel ändern. Die Prozedur sei mühselig, Genehmigungen rar. "Wer eine neue Anlage genehmigen lassen will, wartet im Schnitt sieben Jahre", sagt Aicher. Die Vorschriften sind streng, der Schutz der Umwelt wichtig. 23 Jahre dauert das Warten bei einem Projekt der Stadtwerke Ulm bei Ehingen-Berg. Derzeitig hängt alles am Streber-Fisch. Weil dessen Revier in der Donau durchs Kraftwerk bedroht ist, soll er nachgezüchtet und ausgesetzt werden. "Wir hoffen, dass das klappt", sagt Sprecher Bernd Jünke, die Stadtwerke wollten das Vorhaben nicht aufgeben.
In Horb dagegen liefert ein neues Kraftwerk Strom, gemeinsam betrieben von den Stadtwerken Tübingen und der Stadt Horb. 2,3 Millionen Kilowattstunden jährlich aus erneuerbarer Energie bringt es - immerhin. "Wenn der politische Wille da ist, geht viel mehr", ist sich Aicher sicher. Beispiel Oberallgäu, im Nachbarland Bayern: Dort stieg die Zahl privater Wasserkraftanlagen zwischen 1990 und 1999 von 20 auf 40, der Stromertrag wuchs von 14 auf 32 Millionen Kilowattstunden. Der Oberallgäuer Landrat, sagt Aicher, hat kein Grünen-Parteibuch. Sondern das der CSU. Von den Stadtwerken erhoffen sich die Wasserkraftler Rückenwind für die Energiewende, aber auch von Grün-Rot. Im Koalitionsvertrag sind Potenzialuntersuchungen für die Wasserkraft vereinbart - Natur- und Umweltbelange sollen berücksichtigt werden.
Auch der Wasserkrafterlass wird überarbeitet, er regelt Genehmigungen. Ziel sind "klare planungsrechtliche Vorgaben". Es müsste zugehen wie beim Auto-Tüv, sagt Aicher: "Ohne uferlose Ermessensspielräume der Beamten vor Ort."
Kritisch blicken Landesfischereiverband, Landesnaturschutzverband und Nabu auf den Ausbau der Wasserkraft. Naturnahe Fließgewässer dürften nicht "für die Energiegewinnung durch Wasserkraft" genutzt werden, sind sich die Verbände einig. "Wir beobachten schon, dass der Druck größer wird", sagt Roland Grimm vom Fischereiverband. "Gegen immer mehr Bauabsichten an immer kleineren Bächen und immer näher am Gewässerursprung müssen wir uns wehren". Durchgängigkeit sei wichtig für die Fische, aber auch ein guter ökologischer Zustand der Biotope.
"Man muss offen und ehrlich miteinander reden, dann lässt sich viel aus dem Weg räumen", sagt Hubert Winter. Für sein Kraftwerk in Beutelsau hat er eine Fischtreppe gebaut und muss die Restwassermenge beachten, die nicht ausgeleitet werden darf. Dafür erhält er 11,67 Cent für jede eingespeiste Kilowattstunde. Rechne man Spitz auf Knopf, seien die Öko-Investitionen mit der Vergütung nicht auszugleichen, sagt Winter. Aber seine Familie kann vom Kraftwerk leben. Das reicht dem Energiewirt.