Kleine Stromer - Energie aus Wasserkraft zu gewinnen ist kein Vergnügen, sondern eine Sucht

Stuttgarter Nachrichten vom 14.05.2011 (Autor: Arnold Rieger)

Atomreaktoren können sie nicht ersetzen. Doch zur Energiewende tragen die kleinen Wasserkraftwerke sehr wohl bei. Von Naturschützern oft verunglimpft, hoffen die Betreiber nach Fukushima nun auf eine Mühlen-Renaissance.

"I can geet nuouou . . . " - die Rolling Stones klingen jämmerlich, wenn man ihnen den Saft abdreht. Julian Aicher hat es noch im Ohr, wie in den 70er Jahren der Plattenspieler jaulte. Er saß dann in seinem Zimmer und hat geflucht. Musste die Mutter ausgerechnet jetzt das Essen kochen?
Der Elektroherd fraß so viel Energie, dass es für Mick Jagger nicht mehr reichte. Aber so war das eben bei Aichers in dem kleinen Ort Rotis bei Leutkirch. Wollten ihren Strom halt unbedingt selbst machen.
Heute ist er froh über seine alte Mühle. Nicht weil er Weizen mahlen wollte oder scharf wäre auf schräge Musik. Sondern weil der Generator noch immer brav Strom liefert, vorausgesetzt, im Mühlbach fließt Wasser. Und weil Aicher seine Jugenderfahrung für elementar hält: "Wenn man sich nicht um Energie kümmert, ist sie nicht da."
So wie in Rotis drehen sich in Deutschland wohl an die 7500 kleine Wasserkraftanlagen, 1700 davon in Baden-Württemberg. Das hört sich stattlich an, doch vor hundert Jahren waren es fünfmal so viele: kaum ein Bach, der nicht auch eine Turbine speiste. Das lief so bis in die 60er Jahre. Dann begann das Mühlensterben.
"Die Konzerne haben uns ausgetrocknet", sagt Josef Dennenmoser, ein Ingenieur aus Leutkirch, der über Wasserkraft seine Diplomarbeit geschrieben hat. Um dem Vorwurf Nachdruck zu verleihen, kramt er eine Stellenannonce aus dem Jahr 1997 hervor. Darin lockt ein Energieversorger: "Der Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit liegt in der Sicherung des Umsatzes durch Verhinderung von Stromeigenerzeugungsanlagen . . ." Doch ganz verhindern lassen sich die kleinen Stromer nicht. Dafür rechnen sie zu wenig. Dafür schwärmen sie zu viel.
Es ist schon ein merkwürdiges Völkchen, das sich da um die Turbinen schart. In stürmischen Herbstnächten, wenn abgebrochene Zweige die Zuflüsse verstopfen, balancieren sie auf ihren Wehren und räumen die Rechen frei. Wenn es draußen nieselt, blinzeln sie nach oben und maulen: Könnte ruhig mehr sein. Und wenn sie einen alten Generator der Esslinger Maschinenfabrik befühlen, kommen sie ins Schwärmen wie über einen Mercedes 300 SL.
Ist das verrückt? Nein, wassersüchtig. So nennen sie selbst ihren Drang, kleine Schaufelräder in Schwung zu versetzen. Diese Sucht kann schmerzhaft sein. "Mich ruft ständig ein Bekannter an, der nachts nicht mehr schlafen kann", erzählt Elmar Reitter von einem Infizierten, der etwas kaufen will. Eine Mühle, ein Sägewerk, irgendwas. Hauptsache mit Generator. Reitter kennt mehrere solcher Fälle, denn er ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke Baden-Württemberg, in der die meisten dieser Unternehmer organisiert sind. Boshafte würden sagen: eine Selbsthilfegruppe für Wassersüchtige.
Willi Aßfalg ist einer von ihnen, ein knorriger Allgäuer mit grauem Bart. In den 80er Jahren hat er die alte Wuhrmühle bei Kißlegg gekauft. "Das war einfach in mir", sagt er und zuckt auf Nachfrage unwillig mit den Schultern. "Als ich die verfallenen Wasserräder gesehen habe, wusste ich, die muss ich haben." 90 000 Euro hat er seither reingesteckt. Für Urlaub blieb da nichts übrig.
Wer das verstehen will, muss eintauchen in die Welt der Francisturbinen und Dreiphasengeneratoren. Der muss sich anstecken lassen vom Zauber der Energieumwandlung: hier das unbändige, amorphe Element - und wenige Meter weiter die gezähmte, in Fessel gelegte Elektrizität. Sauberer Strom, wohlgemerkt, ohne Rauch, Kohlendioxid und Strahlung.
Das alles gilt natürlich auch für Windräder. Aber sie sind der Erde entrückt, ihnen fehlt jeder sinnliche Reiz. Wasser jedoch ist sichtbar, hörbar, fühlbar.
Ist das also eine Bastelecke für Technikfreaks? Oder ein schrulliges Hobby für verhinderte Müller? Die gibt es natürlich auch in den Reihen der Kraftwerksbesitzer. Weitaus häufiger finden sich bei ihnen aber nüchtern denkende Menschen, die einfach nicht einsehen wollen, dass ein wasserreiches Land wie Baden-Württemberg diese Ressource nicht ausschöpft.
Natürlich wollen sie auch Geld verdienen. "Wer aber nur darauf aus ist, kauft sich besser eine alte Scheune und montiert Fotovoltaikzellen drauf", sagt Reitter, der mit seinen Anlagen an Donau und Iller als veritabler Mittelständler gelten darf.
7,67 Cent gesteht man ihnen für die Kilowattstunde zu - sofern es sich um alte Kraftwerke ohne Fischpass handelt. Wer heute ökologisch aufrüstet, damit Forellen und Lachse die Barriere umschwimmen können, erhält vier Cent mehr. "Bis da mal Gewinn fließt, vergehen 30 bis 40 Jahre", rechnet Reitter vor, "bei Solarenergie reichen fünf."
Für Hubert Winter wäre die Sonne keine Alternative. "Mein Vater war von Wasser hypnotisiert", sagt der Mann aus Wangen im Allgäu. Und das offenbar so sehr, dass er jedem seiner Kinder ein kleines Kraftwerk vererbte. Das entsprechende Gen bekam Winter gleich mit, denn er hat sich weitere hinzugekauft - zum Beispiel die Argenaumühle in Beutelsau bei Wangen.
Obwohl das riesige Gebäude uralt ist, kommt hier keine Müllersromantik auf. Für 1,4 Millionen Euro entstand vielmehr am Ufer der Argen ein kleines, aber hochmodernes Kraftwerk samt automatischer Rechenreinigung. 1,8 Millionen Kilowattstunden erzeugen die beiden Turbinen und speisen sie ins Netz. So viel, dass es für ein kleines Dorf reichte.
Das neue Maschinenhaus sieht aus wie eine gotische Kapelle, ein bisschen Romantik muss auch bei Winter sein. Doch der eigentliche Blickfang ist eine neue, rund 30 Meter lange Fischtreppe am Einlauf zum Mühlkanal: eine Art Bypass für Fische, die zum Laichen flussaufwärts ziehen. Das ist kein Luxus, sondern Pflicht, Brüssel schreibt sie für alle neuen Anlagen vor.
Hier sind wir nun am heikelsten Punkt des Themas angelangt, sozusagen an einer Untiefe: Wie umweltfreundlich ist diese Art der Energieerzeugung eigentlich?
Dass Kraftwerke in die Natur eingreifen, weil sie den Pegel, das Ufer, das Fließtempo und damit das Ökosystem eines Gewässers verändern, lässt sich nicht bestreiten.
Lange Zeit haben diese Argumente für jede Art von Verunglimpfung ausgereicht. "Manchmal bin ich mir vorgekommen wie ein Verbrecher", sagt Reitter. Das ging bis hin zur Propaganda, die Flüsse seien rot vor Blut, weil die Turbinen Hackfleisch aus den Fischen machten. "Dabei gelangen sie mit Ausnahme des Aals gar nicht durch die Rechen", behauptet Reitter und unterstellt: "Da wird viel übertrieben."
Pauschalurteile sind allerdings auch den Stromern nicht fremd, denn sie führen verminderte Fischbestände auf Hormone im Wasser zurück: "Früher gab's mehr Wasserkraftwerke, aber auch mehr Fische." So geht das munter hin und her. Spätestens dann, wenn ihnen ein Bauantrag vorliegt, schalten sich auch die Genehmigungsbehörden ein. Auf die sind die Kraftwerksbetreiber ganz besonders schlecht zu sprechen.
"In Naturschutzgebieten und anderen geschützten Arealen brauchen wir gar nicht erst zu kommen", klagt Reitter. Aber selbst wenn ein Investor die oft jahrelangen Verfahren durchgestanden und obendrein viel Geld für eine Fischtreppe ausgegeben hat, steht immer noch die Frage im Raum, wie viel Wasser letztlich durch die Turbinen fließen darf. Geht es nach den Naturschützern: möglichst wenig.
Doch ist Klimaschutz nicht ein gleichwertiges Gut? Spätestens seit dem Reaktorunglück von Fukushima hat sich herumgesprochen, dass für eine Republik ohne Atomkraft alle regenerativen Quellen angezapft werden müssen - sonst klappt das nicht mit der Energiewende. Knapp 1000 Megawatt könnte auch die Wasserkraft noch beitragen, meinen Energiefachleute - das ist ein Atomreaktor.
Hubert Winter steht am Zulauf seines Kraftwerks Talerschachen bei Wangen im Allgäu. Hinter ihm fällt die Argen wie ein schäumender Vorhang in die Tiefe. Der Zulauf ist verstopft, die hundert Jahre alte Technik hat schon bessere Zeiten gesehen. Trotzdem sagt Winter: "Ich glaub' dran, dass das Zukunft hat." Dann holt er den Rechen und räumt das Wehr frei.

Hintergrund

Megawatt und Mühlen

Wasserkraftwerke gelten bis zu einer Leistung von fünf Megawatt als klein. Sie funktionieren aber nach demselben Prinzip wie große: Von Wasser getriebene Schaufelräder setzen Generatoren in Bewegung. Stürzen 100 Liter Wasser in einer Sekunde einen Meter tief, setzen sie ein Kilowatt Energie frei.
Der Anteil der Wasserkraft in Baden-Württemberg liegt bei durchschnittlich fünf Milliarden Kilowattstunden pro Jahr, das reicht für drei Millionen Menschen. Die kleine Wasserkraft trägt dazu ein Drittel bei.
Der Anteil der Wasserkraft am gesamten Stromverbrauch im Land liegt bei neun bis zehn Prozent. Nach Ansicht von Energiefachleuten kann er unter Beachtung ökologischer Gesichtspunkte verdoppelt werden. Dabei geht es nicht nur um neue Anlagen: Zahlreiche stillgelegte Kraftwerke könnten problemlos reaktiviert und modernisiert werden.
Baden-Württemberg nutzt die Wasserkraft dank seiner topografischen Verhältnisse zwar intensiver als die meisten anderen Bundesländer. Gegenüber der Schweiz und Österreich fällt der Südwesten jedoch weit zurück. Dort werden zwischen 60 und 70 Prozent des Stroms aus Wasserkraft erzeugt.
Wasserkraftwerke verwandeln bis zu 75 Prozent der eingesetzten Kraft in Strom. Bei Kohlekraftwerken liegt der vergleichbare Wirkungsgrad bei rund 40 Prozent. Je nach örtlichen Verhältnissen werden unterschiedliche Turbinen eingesetzt.