Für mehr Wasserkraft

Ehinger Tagblatt vom 19. Februar 2009

Betreiber klagen: Zu viel Bürokratie, zu wenig Geld.

Weniger Bürokratie und mehr Geld für den ins Netz eingespeisten Strom. Das fordern die Betreiber von privaten Wasserkraftwerken im Land. Ihr Strom werde schließlich umweltfreundlich produziert.

"Wasserkraft ist beständig, ökologisch, technisch ausgereift, grundlastfähig." Elmar Reitter könnte noch einige Vorteile nennen. Daher versteht er auch nicht, warum nicht mehr Wasserkraftwerke genehmigt und gebaut werden. Reitter ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke Baden-Württemberg (AWK), in der 800 Besitzer von – meist kleineren – Kraftwerken, Sägen und Mühlen organisiert sind.
Reitter besitzt selbst drei Wasserkraftwerke, an einigen anderen ist er beteiligt. Der Ingenieur hat das Wasserkraftwerk in Rechtenstein von seinem Vater geerbt, dort hat seine Firma bis heute ihren Sitz. Deshalb ist er in diesen Beruf mehr oder weniger hineingerutscht. Inzwischen hat er sich zu einem anerkannten Fachmann entwickelt. „Mich rufen immer wieder Leute an und fragen, ob und wie sie beispielsweise ihre alte Mühle wieder in Betrieb nehmen können.“ Die Antwort darauf sei meist nicht so einfach. Es hänge von vielen Faktoren ab, etwa ob der Mühlenbesitzer den Strom für den Eigenbedarf nutzen will, wie umfangreich die Baumaßnahmen sind und ähnliches.
Reitter erinnert sich noch gut daran, wie er als privater Kraftwerksbetreiber belächelt worden ist. „Vor 25 Jahren sagte die EnBW noch zu uns, stellt doch eure Werke ab, wir haben jetzt doch Atomkraftwerke.“ 1987 bekam er für seinen Strom 7 bis 9 Pfennig pro Kilowattstunde. „Und wir mussten uns noch anhören, dass wegen uns die Atomkraftwerke nicht voll ausgelastet seien.“ Doch die privaten Kraftwerksbetreiber waren von ihren Anlagen überzeugt. Sie zogen vor Gericht. 15 Pfennig Einspeisevergütung sprach ihnen der Bundesgerichtshof 1990 zu. Heute sind es 7,67 Cent. „Die Vergütung wurde nie erhöht, wir haben noch nicht mal die Inflationsrate ausgeglichen bekommen“, sagt Reitter. Dabei müsse er als privater Betreiber seine Kraftwerke instand halten, die Ufer pflegen und immer mehr Umweltauflagen erfüllen.
Seit 2004 das neue Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) in Kraft getreten ist, gibt es für Strom aus Wasserkraft mehr pro Kilowattstunde – vorausgesetzt der Betreiber „ökologisiert“ sein altes Kraftwerk, beispielsweise indem er mit einer Fischtreppe für mehr Durchgängigkeit des Flusses sorgt. „2 Cent kriege ich dann mehr pro Kilowattstunde“, sagt Reitter. Der Bau einer Fischtreppe sei teuer. Gemeinsam mit dem Land Baden-Württemberg hat Reitter am Kraftwerk Alfredstal bei Obermarchtal im Jahr 2000 in die Donau eine Fischtreppe aus Blocksteinen gebaut. „Ein feudales Bauwerk, das Pilotcharakter hat“, wie der Ingenieur gerne zugibt. Die Baukosten lagen zwischen 250.000 und 300.000 Euro, die zum Teil das Land übernommen hat. Im Gegenzug hat sich Reitter verpflichtet, bis zu 1.500 Liter Wasser in der Sekunde abzugeben, um die Fischtreppe zu versorgen. Wasser, das ihm 800 Meter kanalabwärts auf den drei Turbinen seines Elektrizitätswerks fehlt. 20.000 Euro im Jahr weniger nimmt er aufgrund dieses Wasserverlustes ein. „Aber ich bin durchaus bereit, meinen Beitrag zum Naturschutz zu leisten.“ Reitter weist auf Berechnungen seines Verbands hin, wonach durch den weiteren Ausbau der Wasserkraft in Deutschland zwei bis drei Atomkraftwerke ersetzt werden könnten. „Und wir produzieren dabei kein Gramm CO2.“
Nach Schätzungen der EnBW gibt es alleine in den Flüssen in Baden-Württemberg rund 6.000 Querbauten, sagt Julian Aicher, Sprecher der AWK. Nur 1.600 davon werden zur Energiegewinnung genutzt. Darunter seien auch viele so genannte Kulturwehre, die vor 40 oder 50 Jahren in der Iller gebaut worden sind, „um die Fehler aus der Begradigung vor 100 Jahren abzuschwächen“. Denn durch die Begradigung fließt die Iller viel schneller und gräbt sich deshalb tief in ihr Bett. Die Kulturwehre verlangsamen den Fluss, könnten aber auch zur Stromgewinnung genutzt werden.
„Generell gibt es im Bereich der Wasserkraft viel zu viel Bürokratie, und es wird noch nicht einmal geschaut, welches Potenzial vorhanden ist, das man nutzen kann, ohne große Eingriffe in die Natur. Schließlich gibt es die Wehre bereits“, schimpft Aicher. Den Kopf in den Sand stecken wollen die überzeugten Wasserkraftler dennoch nicht: „Irgendwann ist auch Wasserstrom wieder wirtschaftlich“, sagt Elmar Reitter. Schließlich werde immer mehr Strom gebraucht und der werde – logisch – immer teurer.