Ein spannendes Kapitel

Ehinger Tagblatt vom 09. September 2008

Elmar Reitter gibt Buch über die Industrialisierung in Rechtenstein heraus.

Papier, Zement und Wasserkraft waren drei Elemente der Industrie-Epoche im kleinen Dorf Rechtenstein. Übrig geblieben ist die Wasserkraft. Jetzt berichtet ein Buch über dieses interessante Kapitel.

Ein Buch mit 80 Seiten holt eine interessante Epoche der Gemeinde Rechtenstein aus der Vergangenheit ins Licht der Gegenwart. Der Unternehmer Elmar Reitter, Betreiber mehrerer Wasserkraftwerke - auch in Rechtenstein und im „Alfredstal" bei Obermarchtal - gab es in Auftrag. Der Historiker Dr. Uwe Schmidt aus Ulm hat es nach umfangreichen Recherchen und Studien in Archiven und Chroniken geschrieben. Er nennt die Geschichte faszinierend. Dominik Lahaye übernahm die Gestaltung.
Gestern hatte das druckfrische Werk in Rechtenstein Premiere. Bürgermeisterin Romy Wurm lobte das Buch als spannende Zeitreise in die Geschichte des Dorfes, das sich Anfang des vorigen Jahrhunderts mit drei Industriebetrieben einzigartig entwickelte.
„Papier, Zement und Wasserkraft“ lautet der Titel des Buches, das mit einer Auflage von 1000 Exemplaren Aufschluss über jene Zeit vermitteln will. Berichtet wird über die Geschichte der Holzstofffabrik Kraemer und des Portland-Cementwerks, dem jedoch nur eine Lebensdauer von eineinhalb Jahren beschieden war. Dann brannte es nieder und wurde nicht mehr aufgebaut. Bis heute halten sich die Gerüchte von einer Brandstiftung, auch wenn tatsächlich ein Kurzschluss Ursache war.
Die Wasserkraft der Donau als Energiequelle und der Bahnanschluss als Transportweg waren zwei entscheidende Faktoren für die Ansiedlung der Industrie in Rechtenstein. Bernhard Gutmann aus der Göppinger Gegend, wo die Familie eine Textilfirma betrieb, kaufte um 1900 den Brühlhof östlich von Rechtenstein, um dort einen Steinbruch einzurichten und ein Zementwerk zu bauen.
Die markante Industrieanlage erstreckte sich über 270 Meter im Bereich nördlich des Brühlhofs über den Hang und war ein ausgedehnter Gebäude-Komplex. Auch eine Villa gehörte dazu, die jetzt noch existiert und bewohnt ist. Von der gesamten, weitläufigen Anlage existieren noch aufschlussreiche Baupläne, Zeichnungen und Skizzen. Nur noch wenige Reste erinnern indessen an das "Portland-Cementwerk", das 1903 in Betrieb gegangen war und etwa 100 Menschen Arbeit geboten hat.
Im Januar 1904 erschütterte ein Finanzskandal Göppingen, in den auch die Unternehmerfamilie Gutmann verwickelt war. Betrügerischer Bankrott lautete der Vorwurf. Schließlich flüchtete Bernhard Gutmann, er wurde in Athen und in San Francisco gesehen. Die Zementwerke Heidelberg und Mannheim übernahmen seinerzeit das Zementwerk Rechtenstein, das am 27. Oktober 1904 ein verheerender Brand in Schutt und Asche legte. Es wurde nicht wieder aufgebaut. Heute dehnt sich an seinem Standort ein Wald aus. Mittendrin sind nur wenige Reste der einstigen Fabrik erhalten. Die Gemeinde Rechtenstein bemühe sich darum, sie als Denkmal ausweisen zu lassen, berichtet Bürgermeisterin Romy Wurm.
Die zweite bedeutende Firma war das Kraftwerk „Alfredstal" das bis heute existiert und von Elmar Reitter betrieben wird. Es liegt unterhalb von Obermarchtal und erhielt seinen Namen nach dem Sohn des Papierfabrikanten und Gründers der Holzstofffabrik Rechtenstein, Jakob Kraemer aus Scheer. Zuvor befand sich an dem Standort im Donautal die Mühle des Prämonstratenser-Klosters Marchtal. Während sich gegen das Zementwerk in Rechtenstein kein Widerstand gezeigt hatte, gingen gegen das Wasserkraftwerk 22 Einsprüche beim Schultheißen Obermarchtal ein. Vor allem Bauern hatten Bedenken, aber auch Müller aus Munderkingen und Rottenacker wandten sich gegen den Bau. Sie befürchteten Nachteile durch eine donauaufwärtige Wassernutzung.
Doch das Kraftwerk wurde gebaut, zeitgleich mit dem Zementwerk. Italienische Arbeiter gruben dafür einen fast 1100 Meter langen Kanal von der Donau aus, der deswegen heute noch im Volksmund „Canale grande" genannt wird. Im Gründerzeitstil entstand das Turbinen- und Generatorenhaus. Ab 1902 produzierten die drei Turbinen Strom, etwa 2,4 Millionen Kilowattstunden im Jahr. Damit lassen sich etwa 600 Haushalte versorgen.
Alfred Kraemer, Fabrikant in Scheer und Inhaber der Papierfabrik Rechtenstein, hatte 1911 nach einer neuen Energiequelle für seine Produktion gesucht und kaufte das Kraftwerk Alfredstal. Bankier Leopold Gutmann aus Göppingen hatte 1900 von Müller Karl Buck die Ruinen der ein Jahr zuvor ausgebrannten Mühle erworben und kurze Zeit später an seinen Bruder Bernhard veräußert, der in Rechtenstein zu der Zeit auch die Zementfabrik baute. Kraemer verlegte eine Stromleitung vom Alfredstal über den Sommerberg und ermöglichte damit auch die Versorgung der Ortschaft mit Elektrizität.
Die Holzstofffabrik Rechtenstein war aus der einstigen Getreidemühle heraus entstanden, die bereits um 1559 in der Chronik als Herrschaftsmühle erwähnt ist. 1963 übernahm die Firma Reitter den Betrieb mit 40 Mitarbeitern und führte ihn bis 1993. Dann kam das Aus. Der Dreischicht-Betrieb sorgte für Probleme, ebenso die Auflagen beim Abwasser. Auch die schwedische Konkurrenz machte Druck.
Die Familie Reitter konzentriert sich darauf, aus Wasserkraft Strom zu erzeugen. In Rechtenstein werden jährlich zwei Millionen Kilowattstunden ins Netz der EnBW eingespeist. Aktuell beschäftigt sich Reitter mit Plänen für die dringende Sanierung der Wehranlage, die noch im Urzustand ist. Doch es gibt Genehmigungs-Probleme, weil die Wasserkraft mit ökologischen Interessen kollidiert, ferner Naturschützer und Fischer Bedenken hegen.

Das Buch kann in der Firma Reitter und im Rathaus Rechtenstein erworben werden sowie im Wasserkraftwerk „Alfredstal". „Der Preis liegt unter zehn Euro", sagt Elmar Reitter. Er dankt allen, die das Buch ermöglicht haben, das ein interessantes Kapitel der Ortsgeschichte beleuchte.


Das Buch "Papier, Zement und Wasserkraft" ist u.a. über die Firma Reitter (07375-212) erhältlich.
Kosten: 9,50 € zzgl. Versand

Einen Auszug aus dem Buch lesen Sie unter dem Menüpunkt "Industriegeschichte Rechtenstein".